Tagesgedanken
Dienstag, den 10. Juli 2012 um 10:12 Uhr

War heute überrascht und gerührt bei der Lektüre eines langen

Briefs von mir als 20jährigem an meine Eltern. Geschrieben am

28. Januar 1973  aus dem Kinderheim von Elon College, North Carolina.

Ich hatte nicht erwartet, daß ich selber mir so gut gefallen würde,

sondern hatte zumindest stellenweise mit befremdlichen intellektuellen

Großspurigkeiten und verbalen Abgehobenheiten gerechnet, wie ich sie aus

späteren Briefen von mir kannte. Hatte da schon des öfternen Gefühle wie

John Updike, der sich selber als junger Mann mitunter als unsympathischen

Schnösel empfand.

Aber in diesem persönlichen und biographisch höchst bedeutungsvollen Brief

bin ich mir nah und kann mir gut folgen. Ich merkte es daran, daß sich beim Lesen

nur ein einziges Mal, kurz vor Schluß des 12seitigen Berichts der Impuls in mir regte, mir

selber dazwischen zu reden und zu widersprechen. "Allzugroßen Spaß macht mir

die Sprache nicht. Ich finde sie arm, aber vielleicht gilt das nur für den reduzierten

code, in dem sie sich hier präsentiert". Was heißt hier vielleicht, dachte ich hier,

natürlich ist es so, junger Mann, du kannst doch nicht ernsthaft am Reichtum der

englischen Sprache zweifeln!

Ansonsten berichtet in diesem Brief ein Friedensdienst-Freiwilliger über seine Situation,

nachdem er frisch in einem US-amerikanischen Kinderheim angekommen ist, wo er,

zum ersten mal weg von Eltern und Zuhause, die nächsten 14 Monate tätig sein soll.

Wenn ich diese erste Zeit an mir vorüberziehen lasse, "kommt es mir vor, als blätterte ich

in einem Bilderbuch aus Tausendundeine Nacht - so viele neue, fremde, eigenartige

Eindrücke, so wenig, daß die Aura des Altvertrauten, Selbstverständlichen trägt. Am

interessantesten ist mir, meine eigene Reaktion auf meine Situation hier in Elon zu beobachten.

Ich mußte mit einigem Erstaunen feststellen, wie sehr ich abhängig bin, wie wenig Standfestigkeit

oder Substanz ich offenbar habe, wie sehr mir all die Fremdheit um mich herum zu schaffen macht,

wie sehr ich nach vertrauten Signalen, nach dem Alten im Neuen suche, wie notwendig Anpassung ist.

....Insgesamt betrachte ich es als ungeheuer wertvolle Erfahrung."

Ich berichte von meiner Arbeit in einem Kindergarten. "Manchmal weise ich die Kinder auch zurecht, so

wie das übrige Personal es unentwegt tut, aber ich komme mir dabei verdammt lächerlich vor. Für die

Kinder bin ich wohl so etwas wie das Gegenteil einer Respektsperson, halt jemand, mit dem Spaß machen

kann. Mich selber stört das herzlich wenig, problemtaisch ist, was für eine Haltung die anderen staff members

demgegenüber einnehmen werden". Ich bin viel mit Franz, dem anderen Freiwillen aus D, "zusammen, und wir

haben uns entgegen der Heimordnung, ein wenig Bier eingelagert". Ansonsten gucke nur "sehr selten in die Röhre, ...

gehe viel spazieren, grüble vor mich hin und lese und spiele Gitarre."

Mir gefällt es, daß ich mir als junger Kerl gefalle, und daß ich mich gut wiedererkennen kann. Ich spüre in meinen

Worten so etwas wie einen durchgängigen Kern der Persönlichkeit. In jüngeren Jahren ist so etwas ja noch nicht möglich,

und man kann es vielleicht in die ja nicht gerade überfüllte Rubrik "Tröstungen des Alters" aufnehmen.

 

 
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